Possi's Enduro-Reise Indien 1987 (1)

V 1.0.9 vom 24.02.96, letzter Update 07.09.04 ©1996 zur Seite 2

Dieser Reisebericht wurde auch im "Tourenfahrer" 2/90 (Seite 124-131) veröffentlicht. Download PDF


Langsam hebt sich die tropische Morgensonne über die dunstigen, brachliegenden Felder. Es ist sechs Uhr morgens. Endlich enden die schier endlosen Slums von Bombay. Ich steuere die Maschine gegen mein inneres Gefühl auf der linken Straßenseite durch den langsam zunehmenden Verkehr. Es ist alles so ungewohnt. Achtlose Lkw-Fahrer drängen uns ohne Vorwarnung von der Fahrbahn, ständig sind eine Unzahl von Karren, Tieren und natürlich beängstigend viele Menschen auf den Straßen. Schon nach zwei Stunden brauchen wir die erste Pause. Hinter uns liegt ein garnicht so steiler Pass, der aber bereits einigen der maroden indischen Fahrzeuge zum Verhängnis wurde. Wir nehmen den hier allgegenwärtigen "Cold-Drink" und steuern unser erstes Ziel an: Die Felstempel von Carla und Bhaja. Erbarmungslos schlägt jetzt bereits die Sonne zu. Wir mischen uns unter indische Pilger und genießen die Kühle wie die architektonisch-bildhauerische Pracht im Inneren dieser Höhlentempel. Die weitere Fahrt gestaltet sich chaotisch und anstrengend wie gehabt, und wir begehen einen großen Fehler. Die Dunkelheit bricht in den Tropen sehr schnell herein, und ehe man sich versieht, befindet man sich in einem nervenzerreibenden Hexenkessel aus unbeleuchteten Ochsenkarren und inkarnationsgläubigen Truckern. Nur ein glücklicher Zufall führt uns in ein etwas verfallenes, ehemals herrschaftliches Hotel aus der englischen Kolonialzeit mit riesigen Räumen, Stuckdecken, Deckenventilatoren, Bambusmöbeln und betagten Betten mit herrlichen Moskitovorhängen.

Das war also unser erster Motorradtag in dieser Saison. Vergessen sind all die Sorgen mit Verpackung, Schiffsfracht, indischer Zollbürokratie, die so langsam abläuft, daß es ein Westeuropäer zunächst nicht verstehen kann. Nie wieder, das haben wir uns vorgenommen, wollen wir eine Strecke von über 400 km an einem Tag unter den hiesigen Bedingungen fahren und dabei auch nur den Einbruch der Dunkelheit riskieren.

Ausgeruht starten wir frühmorgens nach Goa, dem Hippieparadies der späten 60er Jahre. Das Versprechen wird eingelöst: Endlose, menschenleere, fast unberührte Sandstrände. Im Wind schwingen die Kokospalmen, während das glitzernde, türkisblaue Wasser des Indischen Ozeans in sanften Wellen heranrauscht. Bloß die Hippies können wir nicht entdecken. An einigen wenigen Stränden in Nordgoa sind Hotelanlagen entstanden, wo sich Pauschaltouristen nach einer Woche Kulturrundreise noch eine Woche Badeaufenthalt gönnen: "Kick ma', Starnberger; wo kommt Ihr denn her?" Wir lächeln, grüßen, ich trete den Kickstarter und wir rollen mit dumpfen Blubbern davon. Genau hier wollten wir ja eigentlich nicht hin. Im Süden von Goa findet man kleine, landestypische Pensionen, direkt am Meer, und mit für indische Küche hervorragender Bewirtung. Der Hummer kommt frisch aus der See und schmeckt wie alle Meeresfrüchte hier vorzüglich. Wir genießen das, denn gutes Essen ist in Indien eher die Ausnahme. Bald packt uns wieder das Reisefieber, weiter im Süden locken die geheimnisvoll-exotischen Zeugnisse vergangener Tempelbaukunst. Der Europäer ist geradezu geblendet von dem meisterhaften und üppigen Figurenschmuck der fast tausend Jahre alten Hindutempel von Belur, Halebid und Somnathpur. Stundenlang kann man aus jedem Winkel immer wieder diese Tempel betrachten, und man entdeckt immer wieder neue faszinierende Figurendarstellungen.

Unweit, einige staubige und glutheiße Kilometer weiter, ragt sie von einem halbkugelförmigen Berg in den Himmel, die angeblich größte monolithische Statue der Erde. Sie stellt Lord Bahubali dar und wird von den Anhängern des Jainismus, einer weiteren Religionsrichtung in Indien, verehrt. Ehrfürchtig betasten wir seinen großen Zeh und blicken nach oben. Ein Rätsel, wie diese Statue geschlagen und errichtet wurde. Noch am gleichen Abend erreichen wir Mysore, eine typische, kleine indische Großstadt, voll von dem allgegenwärtigen, chaotisch wimmelnden Verkehr. An allen Ecken sitzen Händler, die ihre Waren feilbieten. Es riecht nach allen nur denkbaren orientalischen Duftnoten, nach Sandelholz, Patschuli, Kardamom, Rosenholz und Jasmin. Unser Motorrad läßt regelmäßig den Verkehr zusammenbrechen. Rikschafahrer, Fahrräder, Mopedfahrer und unzählige Kinder wollen es sehen und betasten. Es ist ganz schön anstrengend, stets ungewollt soviel Neugierde auf sich zu ziehen. So benutzen wir die mit einem kreischenden Zweitakter befeuerte Rikscha, um uns die glitzernden Maharadscha-Paläste anzusehen.

In Ooty, in knapp zweieinhalb tausend Meter Höhe in den Westghats, einem der Küste vorgelagerten Gebirgsriegel, gelegen, ist es angenehm kühl. Endlich sinkt nachts das Thermometer wieder deutlich unter dreißig Grad. Begüterte Inder suchen hier Zuflucht vor der gnadenlosen Hitze der Ebene. So entsteht hier ein kurioses innerindisches "Sommerfrischlerzentrum", mit Tretbootfahren auf einem kleinen künstlichen See und Clubhotels. Der in Europa längst verflossene, etwas muffige, kolonial-englische Stil wird hier, kaum zu glauben, von reichen Indern weitergepflegt. Mit Ooty verbindet sich für uns eine unangenehme Erinnerung: Wir werden von einem indischen Lastwagen gerammt. Wir sind schon vielen rücksichtslosen, zum Teil jugendlichen Lkw-Fahrern ausgewichen, dabei nicht ohne Risiko einfach abseits der Straße ins unbefestigte Gelände gezwängt worden, nur hier war das nicht möglich. Links Felswand, rechts Abgrund und in der Mitte dazwischen der Laster ohne erkennbare Bremswirkung. Seine Stoßstange zerschmettert die rechte unserer Aluminiumgepäckboxen, nur wenige Zentimeter von meinem Oberschenkel entfernt. Glücklicherweise bleiben wir unverletzt. Am nächsten Morgen machen sich sechs Inder liebevoll an die Arbeit, klopfen die Kiste kunstvoll wieder in ihre ursprüngliche Form und hebeln mit einer riesigen Brechstange Rahmenheck und Gepäckträger des Motorrads wieder in ihre frühere Lage zurück. Nur mit Mühe können wir dem Besitzer der Werkstatt circa fünf DM Reparaturkosten aufdrängen. Schon zum frühen Nachmittag können wir unsere Fahrt fortsetzen.

Westlich der Berge liegt eine ungemein üppige, fruchtbare Landschaft. Wir tauchen die Kehren hinunter durch einen Urwald von tropischer Fülle nach Kerala, wie die früher unter den Kolonialmächten so begehrte Gewürzküste nun heißt. Es gibt unheimlich viele Menschen hier, sie lachen viel und sind von dunkler Hautfarbe. Gemeinsam heben wir das Motorrad auf das Dach der hier verkehrenden kleinen Schiffchen. Der Süden Keralas ist nämlich von unzähligen breiten, schmalen Wasserarmen durchzogen, die ein Bereisen dieser wundervollen Landschaft voller südseehaften Charme auf dem Landwege unmöglich machen. Wir genießen es, auf dem Schiff sitzend auch mal ohne unser Zutun alles an uns vorüber streichen zu lassen. Alle paar Minuten wird angelegt. Menschen, Tiere, Lasten kommen an Bord oder gehen. Manchmal sind die Kanäle so schmal, daß sich die rechts und links überhängenden Palmen über unseren Köpfen berühren. Als der tropische Glutball den Horizont erreichte, wußten wir, daß wir dieses bunte Erlebnis nie vergessen werden.

Die Fahrt geht weiter durch Kerala nach Süden. Hier ist die Bevölkerungsdichte so hoch wie an nur wenigen Punkten unserer Erde. Uns es wimmelt nur so von Menschen. So viele, daß man, will mein keinen Zusammenstoß riskieren, kaum schneller als 40 Stundenkilometer fahren kann, im Durchschnitt erreicht man gerade 20 bis 30 Kilometer pro Stunde. So geht die Fahrt nur zäh und anstrengend durch die Hitze voran, zur Südspitze Asiens, "Cap Comorin" oder "Land's end", wie die Inder es auch nennen.

Das Cap ist ein besonderer Ort. Ihm vorgelagert liegt ein Felsen im Meer, worauf Hindus einen Tempel errichtet haben. Denn hier mischen sich auch die Wasser der Arabischen See, des Golf von Bengalen und des Indischen Ozeans. Ein kräftiger Wind bläst pfeilschnelle Auslegerboote mit rotbraunen Segeln vor der kleinen Tempelinsel vorbei. Am Cap wechselt auch abrupt die Landschaft. Dürre, von einzelnen trockenen, großen Fächerpalmen durchbrochene Öde prägt von nun an das Bild unserer weiteren Fahrt entlang der Ostküste nach Norden. Schier unbeschreibliche Hitze sticht auf unsere Köpfe hinab, das Tragen der Helme haben wir längst aufgegeben. Dazu ein feiner rötlicher Staub, der uns genauso wie die Innenseite des Motorradvergasers mit einer hartnäckigen Schicht überzieht. Ein ständiges Durstgefühl zwingt uns regelmäßig spätestens nach einer Stunde in jedes noch so schäbige Lokal. So kommen tägliche Trinkmengen von 5 bis 10 Litern, die unter normalen Bedingungen völlig absurd erscheinen, ohne weiteres zusammen. Die wenigen Leute, die hier leben, erdrücken uns fast mit ihren neugierigen Menschenaufläufen. Das ist ungeheuer anstrengend.

In Madurai beginnt die große Tempelstraße des Südens, mit den prunkvollen, zum Teil riesig großen Tempelanlagen von Tiruchiapally, Tanjore, Kumbakonam und Chidambaram. Jede dieser Anlagen ist für sich kunsthistorisch absolut einmalig und mindestens einen Besuchstag wert, sofern es einem gelingt, ohne Verbrennungen an den Füßen über den heißen Boden zu laufen, denn Schuhe sind ja gegen ein entsprechendes Bakschisch bei einem speziellen Aufpasser abzugeben.

Tirumalai, das ist so eine Art kleines Mekka für Hindus. Dieser Tempel im Nordwesten von Madras, hoch in den Bergen gelegen, steht in der religiösen Hierarchie ziemlich weit oben. Unzählige Pilger kommen aus allen Himmelsrichtungen hier her und nehmen große Strapazen auf sich, um das Allerheiligste auch nur einige Sekunden zu sehen und vom Priester hier mit Asche geweiht zu werden. Viele Tausende pro Tag, Millionen im Jahr begeben sich zu dem 48 Stunden dauernden Anstieg bei sengender Sonne tags und windiger Kühle nachts. Sie bilden eine kilometerlange, stetige Menschenschlange, die letzten paar hundert Meter hinter Gittern geführt wie der Raubtiergang im Zirkus. Singend, lachend, lamentierend, betend und umringt vom ständigen Geschrei der unzähligen eigenen Kinder. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, auch das Innere des Tempels zu besichtigen, jedoch waren wir weder Hindus, noch wollten wir 48 Stunden in der Schlange stehen. Nach Vorsprache bei der Tempelverwaltung unterzeichneten wir feierlich ein Formular, daß wir Christen sind, der Papst das Oberhaupt unserer Religion ist und wir in seinem Namen dem hier verehrten Lord Sri Balaji die Ehre erweisen, nicht ohne diese Absicht mit 50 Rupien in die Tempelkasse zu unterstreichen. So gelangen wir, oh Wunder, an der wartenden Masse vorbei hinein direkt in das Innere des Tempels. Speziell hierfür engagierte Tempelwärterinnnen zerren jeden Pilger nach nur wenigen Sekunden inbrünstiger Verehrung am Allerheiligsten vorbei um wieder Platz für den Nachfolgenden zu schaffen. Durch diesen schier unglaublichen Massenbetrieb kommt der Tempel zu dem Reichtum, der die fein behauenen Dächer in Form reiner Goldauflagen ziert, daß man geblendet ist von dem Glanz im Abendlicht. Nachts sind die Straßen übersäht mit Pilgern, die sich einfach dorthin gelegt haben um zu schlafen. Man muß einen Slalom um sie herum gehen und darauf achten, daß man nicht auf sie tritt, so viele sind es.

Hinter Bangalore, einer der vielen Millionenstädte Indiens, hält neben uns während einer Fotopause plötzlich das einzige ausländische Motorrad, das wir auf dieser Reise sehen sollten. Ich reibe meine Augen, "BMW-Paris-Dakar" steht da doch tatsächlich auf dem Tank. Herunter steigt ein freundlicher, großer und kräftiger Däne. Er heißt John und arbeitet an einem Fischereitechnologieprojekt. Es geht darum, indischen Fischern Unterstötzung und Know-how für bessere Fangergebnisse zu vermitteln. John freut sich so über seine erste Begegnung mit zwei europäischen Motorradfahrern in den 14 Monaten, die er schon in Indien tätig ist, daß er uns gleich nach Gokarna einlädt, wo er arbeitet.

Wir wollen uns zuvor noch einige entlegenere kunsthistorische Stätten ansehen, die um so beeindruckender sind. So etwa Hampi, die ehemals glänzendste Stadt Indiens am Ufer des durch eine groteske Landschaft fließenden Tungabhadra. Oder die Hindustädte Badami, Pattadakal und Aihole. Und Bijapur, eine Stadt der Moslems, mit ihren zahlreichen Mo scheen und Mausoleen, uns auch durch mehrere Plattfüße besonders im Gedächtnis haftend.

Das viele Sehen und die Hitze haben uns müde gemacht. Wir folgen nun doch John's Einladung an die Küste und entspannen uns an einsamen Palmenstränden. Aber die Tage sind gezählt. Mit einem vor Menschen und Waren geradezu berstenden, uralten und unglaublich verkommenen Küstenschiff fahren wir zurück nach Bombay, wo die Reise ihren Ausgang nahm. Nur noch kurz vermag das Auge durch das Fenster des Düsenklippers das Land streifen, das so viel Fernweh-Glitzer für uns bereit hielt, bevor wir in den Dunst über dem Ozean eintauchen.


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